Romane

Erzählungen | Kurztexte (Leseproben)

Was uns blüht  

Was uns blüht

2009
Roman, Pro Libro Luzern

Klappentext
Eine Frau und ein Mann haben Lebensmuster verlassen und richten sich zögernd anderswo ein. Sie begegnen sich im Kino. Alma nennt den Mann Dottore. Vorsichtig nähern sie sich an. In Island widmet sich der 23jährige Fab, Almas Sohn, halbherzig seinen Studien. Der Freundin Elín ist er zugetan, die Künstlerin Bibi lässt ihn nicht los, den Freund Hillar will er retten. Im Sommer 2007 erhält er Besuch von Alma in Begleitung des Dottore. Die nördliche Begegnung verläuft für alle anders als vorgestellt.
Theres Roth-Hunkeler erzählt durchlässig, zeichnet ihre Figuren mit wenigen Strichen und lässt sie aus ihren Perspektiven sprechen. So entsteht eine vielstimmige Sprachmelodie, in die sich auch Landschaft, Wind und Stille mischen.

Rezensionen
Versöhnliches Island (Saiten, Ostschweizer Kulturmagazin, November 2009)
Buch-Tipp: «Was uns blüht» (Schweizer Radio DRS 3)
"Vielleicht formt mich die Sprache, fliesst durch mich, schleift an mir, versickert manchmal und strömt unterirdisch.“Interview mit der Schweizer Autorin Theres Roth-Hunkeler von Silvia Davi ()
Das Treibhaus zeigt sich als graues Meer (Basellandschaftliche Zeitung, 14. November 2009)
Allein oder mit andern leben? (P.S., die linke Zürcher Zeitung)
Familienreise mit blinden Passagieren (Tagblatt, 13. November 2009)



Erzähl die Nacht  

Erzähl die Nacht

2000
Roman, Rotpunktverlag Zürich

Klappentext
Irene arbeitet in einem Fundbüro, zieht aber vorübergehend in ein Haus an einem See und begibt sich auf die Suche nach ihrem Zwillingsbruder. Denn am gegenüberliegenden Ufer hatte "Zwilling" gewohnt. Bevor die Zwillinge einen Namen trugen, erwartete die Mutter nur ein Kind – Paul oder Paula. Aus Paula wurde Irene. Manchmal nennt sich Irene Paula; Zwilling heißt dann Monsieur Paul. Vor dem Einschlafen, am Rand der Nacht beginnt das Spiel: Es war einmal eine Biografie...



Die zweite Stimme  

Die zweite Stimme

1997
Roman, Rotpunktverlag Zürich

Klappentext
Ein Buch über das Erinnern, das Sprechen und Verstummen, über das richtige Fragen, die Liebe, das richtige Leben und den Tod.

Rezensionen
Das Leben aus der Distanz (Neue Luzerner Zeitung, 7. Januar 1998)



Die Gehschule  

Die Gehschule

1992
Roman, Lenos Verlag Basel; Neuauflage 2009, Pro Libro Luzern

Klappentext
Ein Buch über die Macht der Erinnerung und eine Kindheit auf dem Land. Im Zentrum steht eine junge Buchantiquarin, die mit einer Bilder- und Wörterflut im Kopf lebt.
Mit einem Nachwort zu Leben und Werk von Beatrice Eichmann-Leutenegger

Rezensionen
Die Klauen der Kindheit (Basler Zeitung, Sonderbeilage, 27. März 1992)



Erzählungen

Romane | Kurztexte (Leseproben)

Meist stark bewölkt  

Meist stark bewölkt

2009
Beitrag in der Anthologie "Nordlandliebe", Verlag Martin Wallimann, Alpnach

Klappentext
Um die einen war es bereits in jungen Jahren geschehen, bei anderen half der Zufall nach. Doch wie kommt es, dass bekannte Autorinnen und Autoren den inneren Kompass auf Richtung Norden gestellt haben? (...) "Nordlandliebe" ist eine Liebeserklärung an den Norden und zeichnet zugleich eine literarische Topographie, die nicht nur Sehnsuchtsreisende erfreuen und überraschen wird.



Porträt von Gret Henggeler-Kyburz, Oberägeri  

Porträt von Gret Henggeler-Kyburz, Oberägeri

2007
Beitrag in der Anthologie «Zugehört. Elf Lebensgeschichten von Zuger Frauen», Limmat Verlag Zürich

Klappentext
Elf Frauen aus dem Kanton Zug – aus jeder Gemeinde eine – erzählen aus ihrem Leben. Sie sind Bäuerin, Arztfrau, Verkäuferin, Schneiderin,
Handarbeitslehrerin, Magd, Ordensfrau, Spinnereiarbeiterin, Hausfrau, Mutter. Die Zugerinnen blicken zurück auf ihre Kindheit und Jugend, die viele nicht im Kanton Zug verbracht haben – Zug ist ein typischer Einwanderungskanton. Sie erzählen von den Kriegsjahren, als Entbehrungen, aber auch Hilfeleistungen Alltag waren, sie berichten von wirtschaftlichem Aufschwung und technischen Innovationen, von Hochs und Tiefs im Familien- und Berufsleben, und schliesslich sinnieren sie übers Älterwerden, das manchmal nicht einfach ist.



Das Muttermal  

Das Muttermal

1991
Erzählung, Piper Verlag (Ausgezeichnet mit dem 3sat-Stipendium des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes Klagenfurt)



Kurztexte (Leseproben)

Romane | Erzählungen

Das Blaue vom Himmel

Das Ereignis heißt Himmel. Es findet jeden Tag statt und lässt mich an meine Schwester denken. Wenn du ein Junge bist und deine Schwester ist tot und deine Mutter heult sich die Augen aus, dann denkst du die ganze Zeit über an deine Schwester. Sie starb, als ich zur Welt kam. Am selben Tag. Sie war eineinhalb, als sie starb, ich bin jetzt fünfunddreißig, gäbe es sie noch, wäre sie noch immer eineinhalb Jahre älter als ich, ein Vorsprung, der nie aufzuholen wäre. Nun aber hat sie ihren Vorsprung ins Unendliche ausgebaut. Und ich habe eine Tochter, die jetzt eineinhalb ist, ich komme damit nicht klar, mit diesem Durcheinander aus Himmel und Erde und An- und Abwesenheit. Meine Mutter ist sechzig. Seit meine Tochter auf der Welt ist, behauptet sie, dieses Kind sei rechtmäßig ihr Kind. Aber meine Tochter dreht sich weg, kaum taucht meine Mutter auf. Ich zittere. Meine Frau schaut zu und sagt, es ist ein Theater, wie ihr euch aufführt. Meine Mutter schweigt. Auch mein Vater sagt schon lange nichts mehr, oder er redet, aber wir hören ihn nicht, er ist weg, fort, auf und davon. Gesund sei diese Reaktion, sagt meine Frau. Der Himmel ist das Ereignis, aber es gibt auch die Hölle, es ist ein Hüpfspiel, und meine Schwester hüpft und hüpft. Im Garten meiner Mutter befindet sich noch immer ihr Grabstein. Ein Engelskopf, ein Name, Isabella, zwei sich aufeinander folgende Jahreszahlen. Ein Kind braucht keinen Grabstein, haben die Verwandten gesagt, aber Isabella kriegte einen. Nach zwanzig Jahren, ich war achtzehneinhalb, brachten die Friedhofgärtner Isabellas Grabstein meiner Mutter. Sie hatte es so angeordnet. Der Stein steht in ihrem Garten. Isabella starb und ich kam zur Welt. Meine Tochter ist jetzt eineinhalb und sie ist gesund und sie dreht sich weg, wenn meine Mutter sie hochheben will. Sie schweigt und dreht sich weg. Ihr erstes Wort, das sie deutlich aussprach, hieß «nein». Nicht Mama, nicht Papa, sondern nein. Wie meine Tochter heißt? Isabella. Gegen den Widerstand meiner Frau. Ich wollte meiner Mutter eine Freude machen mit der Namenswahl, aber ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist. Sie hat geschwiegen, als ich ihr mitteilte, wie ihr erstes Enkelkind heißt. Ich bin kein Junge mehr, schon lange nicht mehr, meine Mutter heult sich nicht mehr die Augen aus, aber mehrmals am Tag halte ich die Zeit an, spule sie zurück, und ich bin wieder ein Junge und meine Mutter heult sich wieder die Augen aus, das Ereignis heißt Himmel, Isabella sitzt auf meinen Knie, sie ist bestürzend wirklich, aus Fleisch und aus Blut, ich kneife sie in die Wange und sie schreit, und ich spüre, dass ich sie immer wieder kneifen möchte und immer heftiger, aber ich beherrsche mich und tröste sie, sie beruhigt sich, und die Zeit tut einen Sprung und ich bin fünfunddreißig Jahre alt und Vater einer eineinhalbjährigen Tochter, sie heißt Isabella, sie hat keine Tante, ihre Tante ist im Himmel und heißt Isabella und ist genau gleich alt wie sie, und sie starb an dem Tag, als ich zur Welt kam, man stelle sich das vor, Isabella war in der Obhut der Nachbarin, weil bei meiner Mutter die Wehen unverhofft und zu früh eingesetzt hatten, mein Vater war auf der Baustelle und nicht erreichbar, ein Taxi fuhr meine Mutter ins Krankenhaus, und als sie dort ankam, mit ganz heftigen Wehen schon, es war ein schwüler Tag im Juli, war Isabella bereits auf den Fenstersims geklettert und auf den leeren, asphaltierten Vorplatz gestürzt, wo Vater jeweils seinen Wagen parkte, wenn er nach Hause kam, und war sofort gestorben, war also schon tot, als ich zur Welt kam. Wie sollst du dich denn benehmen, sagte meine Mutter, wenn du am selben Tag ein Kind bekommst und eines verlierst? Was sollst du denken? Sie hat an jenem Tag aufgehört zu denken. Hast du mich lieb, habe ich sie als Kind gefragt. Sie hat geantwortet: Ich habe dich lieb. Aber ich habe auch Isabella lieb. Wen hast du lieber? Habe ich gefragt. Sie hat geschwiegen. Ich habe gedacht, Isabella macht nie den Fußboden schmutzig und führt sich nicht auf. Denn der Lieblingssatz meiner Mutter hieß: Wie du dich wieder aufführst. Wie sollst du dich aufführen, wenn du da bist und du merkst, dass es nichts nützt. Du bist da, aber Isabella ist nicht da. Du bist da, aber sie fehlt. Du kannst dich anstrengen, wie du willst, du kannst dich aufführen, wie du willst, nichts bringt Isabella zurück. Du bist das Leben und sie ist der Tod. Ihr Todestag ist dein Geburtstag. Sie kam in den Himmel und du auf die Welt. Kurze Zeit später sind die Nachbarn weggezogen. Sie haben es nicht mehr ausgehalten in diesem Haus. Sie haben es nicht mehr ausgehalten, am Kinderwagen im Flur vorbeizugehen, an der Leine draußen die Babykleider zu sehen und meiner Mutter zu begegnen, die aufgehört hatte zu denken und kein Benehmen an den Tag legte, kein richtiges Benehmen, die kein Wort sprach mit den Nachbarn, sondern mit erloschener Miene den Säugling in den Wagen legte, ihn zudeckte, ihn in den Garten hinausschob an die Sonne, sich neben ihn setzte auf einen Stuhl und ins Leere blickte. Weinte der Säugling, weinte ich, bewegte sie zuerst den Wagen mit dem Fuß eine ganze Weile hin und her, bevor sie Isabellas Bruder, mich, hochhob und ihn anschaute, als müsste sie zuerst wieder überlegen, wer er war. Zuerst zogen die Nachbarn weg und dann mein Vater. Er ging zurück nach Italien, ins Friaul, denn seine Frau schaute auch ihn oft so an, als würde sie nicht mehr wissen, wer er sei. Ich habe keine Erinnerung an meinen Vater. Ich brauche auch keine, ich schaue meinen Vater an auf Fotos und er gefällt mir nicht. Bist du sicher, dass er mein Vater ist, frage ich meine Mutter, und sie sagt: Jedenfalls ist er Isabellas Vater. Er liebte dieses Kind abgöttisch. Sicher ist er dein Vater, sagte sie eine Weile später, als würde seine abgöttische Liebe zu Isabella beweisen, dass er auch mein Vater ist. Lange Zeit habe ich in der Schule erzählt, mein Vater sei bei einem Erdbeben im Friaul ums Leben gekommen. Hat man ihn gefunden, haben meine Kollegen gefragt. Ich habe die Frage nicht verstanden und habe mit den Schultern gezuckt und sie haben die Frage wiederholt und sind einen Schritt näher gekommen und haben mich umringt und schließlich standen sie ganz nahe und einer, Fabian, hat mir die Frage ins Gesicht gezischt: Hat man ihn gefunden? Und als ich wieder bloß die Schultern hochzog, hat er zugeschlagen und gesagt: Du spinnst und deine Mutter spinnt und dein Vater ist euch davongelaufen. An diesem Tag ging ich zum ersten Mal allein auf den Friedhof und habe zum ersten Mal die Blumen auf Isabellas Grab ausgerissen. Das habe ich nachher immer wieder gemacht, bis mir eines Tages mitten in meinem Wüten Mutter auf die Schultern tippte, ich hatte sie nicht kommen hören, und sagte: Was hast du denn gegen die Blumen? Nichts, habe ich gesagt, nichts, und ich habe die Schultern hochgezogen und sie ist weggegangen und hat mich auf dem Friedhof stehen gelassen, ohne sich um die aus dem Erdreich gerissenen Pflanzen zu kümmern. Zuhause hat sie getan, als wäre nichts passiert, und als ich meiner Tochter den Namen Isabella gab, war es, um ihr eine Freude zu machen, Isabella ist ein Blumenstrauß, der Name, meine ich, ein Mohnblumenstrauß, meine Tochter so zart wie die Mohnblumenblätter, und ich ahne, sie wird später so verschlossen werden wie die Blüten, wenn sie noch fest umschlossen sind von den Kapseln und man sich beherrschen muss und ihnen nicht nachhelfen darf, wenn sie sich nicht öffnen wollen, oder vielleicht ist sie es jetzt schon, verschlossen, verkapselt, wenn man das von einem eineinhalbjährigen Mädchen sagen kann, jedes Kind tritt ein Erbe an, jedes Kind erbt von Mutter und von Vater, von den Großmüttern und den Großvätern, und es erbt nicht nur die Klugheit und die Schönheit, es erbt auch die Art, wie sein Vater mit den Schultern zuckt und wie seine Großmutter väterlicherseits ihren eigenen Namen wie eine Frage in den Telefonhörer sagt, jedes Mal, und ich hatte jedes Mal den Eindruck, wenn ich das hörte, als erwartete sie, Isabella würde anrufen, ein Anruf vom Himmel, aber es war nie Isabella, sondern der Heizöllieferant oder eine aus dem Mütterverein, die sich nach ihrem Befinden erkundigte, oder es war niemand, das heißt, es war jemand, der anrief und horchte und atmete und dann leise den Hörer auf die Gabel legte. Meine Tochter ist nun eineinhalbjährig, meine Mutter ist sechzig, meine Frau möchte ein paar Tage mit mir allein verbringen, zum ersten Mal, seit wir zu dritt sind, wir könnten Isabella unserer Mutter überlassen, es sei eine Chance, sagt meine Frau, ich glaube nicht, dass Chancen überhaupt existieren, meine Mutter würde sogar zu uns in die Wohnung kommen, obwohl es bei ihr zuhause schöner wäre für Isabella, es gibt dort mehr Platz, meine Mutter bewohnt noch immer das Haus, in dem ich mit ihr aufgewachsen bin, Isabella könnte im Garten spielen, mit dem Ball, auf der kleinen Wiese, mit dem Wassereimerchen, mit ihrem Fellhasen, es ist ein Theater, wie ihr euch aufführt, sagt meine Frau, es würde Morgen und Abend werden im Garten, Tag und wieder Nacht und wieder Morgen und wieder Abend, und Isabella wäre dort, mit ihrem Ball, dem Wassereimerchen und dem Fellhasen, und meine Mutter wäre dort, und meine Frau und ich wären verreist, in ein Hochtal, wo der Himmel ein Ereignis wäre, und im Haus meiner Mutter würde das Telefon klingeln und meine Mutter geht dran und sagt wieder ihren eigenen Namen wie eine Frage in den Telefonhörer.

Nachtwanderung

Dunkelheit. Darkness. Du willst dazwischen. Drängst dich zwischen die Sprachen, zwischen die Wörter und machst dich dort klein. Ziehst die Beine an deinen Körper, richtest dich ein im Wort- und Sprachzwischenraum, embryonal, vorsprachlich ganz bestimmt, willst hier fortan wohnen, insbesondere hier schlafen. In diesem Dunkel. Im Dunkel des Kontinentalgrabens. In seiner ganzen Tiefe. Nur im Kopf gibt es winzige Verbindungen: Darkness und Dunkelheit. Im karierten Wörterheft von einst stand sogar Dunkelheit = Darkness. Nun bist du dir nicht mehr sicher. Seit du schlaflos lagst in den hellen Nächten Islands. Seit du die Tafelberge gesehen hast und die sich auffächernde Geologie und die Wunderwörter Granit, Gneis und Glimmerschiefer wieder aufgetaucht sind und die Synapsen in der Schwärze des Kopfes stimuliert wurden und Basalt sich zur Gesteinsammlung legte und Desmin und Kalzit und Pyrit: Dunkelheit. Darkness. Seit sich in dir der Kontinentalgraben fortsetzt und die Meere auseinanderreißt wie Liebende, trennt, was zusammengehört, seit alledem richtest du dich ein im Leerschlag zwischen Dunkelheit und Darkness. Im Norden morgens um drei die Helle. Du sahst keinen Mond, der doch im Märchen immer so kalt ist, du sahst nur die Bilder, von denen du dachtest, sie könnten den Mond zeigen, Mondlandschaften, sagen wir, obwohl nur ganz wenige Menschen Mondlandschaften wirklich gesehen haben. Aber du brauchtest endlich nicht mehr mit Kunstlicht im Zimmer zu schlafen. Denn seit einiger Zeit hattest du zuhause das Licht nicht mehr gelöscht, wenn du zu Bett gingst. Da war eine Anwesenheit vorgekommen im Dunkeln, die du nicht deuten konntest, und deshalb hattest du es vorgezogen, nur noch einzuschlafen, wenn alle Lichter an waren, deine Wohnung hell erleuchtet bis zum Morgen. Das Licht nie ausmachen. In der Helle einschlafen. Es gelang nur mühsam. Erst in der Helle des Nordens hast du dich wieder nach Dunkelheiten gesehnt und das Zauberwort Darkness gedacht, als würde sich im Übersetzen endlich der Wechsel von Hell zu Dunkel vollziehen. Und jetzt bist du zurück. Und kannst dich nur noch wundern über deine Lichtmarotte von vor der Reise in den Norden. Du liegst wieder im Dunkeln, im Stockdunkeln, und es ist dir mehr als recht. Und du beginnst wieder. Springst von Stein zu Stein. Machst Nacht für Nacht deine kleinen Wanderungen. Machst deine Spielchen. Gegen die Schlaflosigkeit. Das alphabetische kleine Einmaleins. Buchstabierst dich da durch. Vom N zum A. Vom Mann zur Liebe zur Kälte. Von der Jagd zur Insel. Von den Händen zum Geschlecht. Und Fragen. Und Eifersucht. Du Dummchen. Chanel Nr. 5. Bilder. Adieu Alleinchen. Und wieder über alle Bilder zu deinem Duty-Free-Parfüm Chanel Nr.5. Und dann denselben Pfad zurück bis zu euren Händen. Und der letzte, der weitgespannte Abschnitt vom H zum T. Wie zuverläßig die Versalien. Wie gut du Tritt fasst. Die Innigkeit. Der Juni. Die Klammer. Die Lust. Die Münder. Die Nähe. Die Ohren. Die Poesie. Die Qual. Die Ruhe. Die Sanftheit. Die Tiefe. Nach der Ankunft in Frankreich wandern. Dann in Italien. Und schließlich den Sprung über den Graben. Night. Welch ein Glück, dass die Nächte alle mit N beginnen. N ist der Buchstabe für nie und für nein. Im Isländischen gibt es mehr als zwanzig Wörter für Wind. Das fällt dir ein, wenn du dir deine Beine viersprachig vertreten hast und immer noch nicht müde bist oder so, oder wie sagt man? Leider sprichst du kein Spanisch. Du denkst an den Brüllwind, der dich packte und drohte, dich in den Graben zu stoßen. Du teilst den Winden ihre Zimmer zu, Einzelzimmer, damit sie schlafen können. Du knipst die Lampe an und wieder aus. Dunkelheit. Darkness.

London seasons


When I arrived in the East End, it was springtime.

I sit at the window and watch the stream of veiled women accompanying their children to school. The parade of little ones, all dressed up as though attending a ball, is accompanied by grandfathers in Turkish harem trousers, and here and there by young men with closely cut hair. Indian, Pakistani, Bengali. The school bell rings, and even I adhere to its timetable. I begin writing. I forget where I am and immerse myself in the text. It's starting to come together. I'm happy not to have to start from the beginning. Finding a beginning is not something I find easy, and I am busy enough with the new beginnings London has to offer. Look over my shoulder as I buy mangoes at the Whitechapel market. I can't imagine living without mangoes now. I peek into other's shopping trolleys, full of groceries. Fuel for life. We wheel our lives to the checkout. How young I feel. And how often I forget about my family. At the age of twenty four I spent a semester in Paris. I feel like I did then. It's a different time. A different everyday life. A different life. Or, at least, the idea of a different life. Fundamentally, life here is the same. Just with a different backdrop. The only difference is what surrounds it, like phone calls, or people dropping by, the distraction of friends. Here, the city is the distraction. But it distracts you towards itself, or to yourself. You must, says the city. That's why you're here. I get absorbed by my sentences. Don't look up. Sometimes I read back to myself what I have written. Sometimes a long-haired cat comes to see me, wearing a pink collar. I try to impress upon it the importance of taking care when crossing the street. Once on a walk I saw a fox. He came out of Mile End Park, stared at me surprised, but not shocked, and disappeared slowly into the tall grass.

When I leave, it's autumn. I turn into Martha Street. My sister's name is Martha. My first trip to London was with her. 1975. Every evening she counted out her money on the hotel bed. I don't think she has been abroad since. A manuscript lies in my suitcase. It's called *Was uns blüht* ('What lies ahead for us›). It's finished. It was always my intention to finish this text in London. Back at home, I read it all through once more. I almost know it off by heart. But whenever someone asks what it is about, I never know what to say.

  Website: Nina Stössinger

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