Sehe ich mich selbst als Kind, so sehe ich mich lesend. Ich bin über das Lesen zum Schreiben gekommen. Und zur Welt. Lesen und Schreiben gehören als Einheit so fest zusammen wie Adam und Eva, wie Himmel und Erde, wie Stadt und Land.


Vor kurzem gelesen

Klartext, Peter Liechti, Vexer Verlag

'Klartext› ist ein Interviewband. Ein langes Gespräch des Filmers Peter Liechti mit seinen alten Eltern, aufgenommen in ihrer Wohnung in St. Gallen. Zuerst das Interview mit der Mutter, dann mit dem Vater, in etwa sind es dieselben Fragen, die ihnen der Sohn stellt. Gegen Schluss sprechen sie zu dritt, und ganz am Schluss können wir lesen, was dem Filmer durch den Kopf ging während dieser Arbeit. ‹Klartext› enthält die erweiterten Gespräche, die Liechtis Film ‹In Vaters Garten› zu Grunde liegen. Das sehr schön gestaltete Buch ist ein Lesevergnügen. Natürlich denkt man darüber nach, welche Fragen man den eigenen Eltern noch stellte, wären sie noch am Leben. Und weder Buch noch Film sind eine Abrechnung eines nicht mehr jungen Sohnes mit seinen Eltern. Vielmehr zeigen die Werke, wie Liechti sich noch einmal bemüht, seine Eltern und ihre ihm fremde Lebens- und Denkweise zu verstehen – und damit wohl auch ein Stück weit sich selbst. Hinreissend!


Sterben – Karl Ove Knausgard
Roman Luchterhand

Ein norwegischer Erzähler, der über sich und über seinen Vater, über seinen Bruder und über seine Kinder und über die Alkoholsucht seines Vaters schreibt und darüber, wie dieser Vater im Haus seiner eigenen Mutter verelendet und schliesslich stirbt. Ein Buch über den Hass der Söhne auf diesen Vater und über die Trauer, als er dann stirbt. Ein Buch von 575 Seiten, ein Buch mit grossem Erzählgestus, ein Buch mit Wiederholungen – ein Buch, in drei Nächten zu lesen. unbedingt! Ein ausführliches hin und her zu diesem Werk und viel mehr dazu
unter: www.gabrielawild.wordpress.com


Hanns-Josef Ortheil, "Die Erfindung des Lebens", Roman Luchterhand 2009

Ich las die Geschichte eines Kindes, das mit einer stummen Mutter aufwächst und mit einem Vater, der die Welt nach Hause bringt. Wie dieses Kind allmählich selbst zu einer Sprache findet, wie es sich Wörter und Begrifflichkeit erschliesst, wie die Mutter wieder sprechen lernt, wie beide Klavier spielen und wie dieses Kind schliesslich zu einem Notierer und unmerklich fast zu einem Schriftsteller wird. Der Autor zeichnet eigene Erlebnisse nach und führt fort, was er in "Das Element des Elefanten" begonnen hatte.


Reinhard Kaiser-Mühlecker
"Der lange Gang über die Stationen", Hoffmann und Campe, 2008
"Magdalenaberg", Hoffmann und Campe, 2009

Zwei Romane eines 28-Jährigen Österreichers, geschrieben in einer eigentümlichen Sprache voller Windungen und Einschübe, erzählt in einem eigenständigen Ton, der mich sehr faszinierte. Wovon sie handeln? Vom Land das erste Buch. Von einem Früher. Von der harten Arbeit eines Bauern, der eine Frau aus der Stadt liebt. Sie ist zu ihm gezogen. Sie packt mit an. Aber nichts kommt gut. So wenig wie im zweiten Roman. Da stirbt ein Bruder. Und der ältere bleibt zurück und versucht, sich an den jüngeren zu erinnern. Verliebt sich in Katharina, die manchmal bei ihm auftaucht. Er stellt keine Fragen, wenn sie wieder geht und wenn sie wieder kommt. Und er erzählt ihr nur ganz wenig über seinen Bruder. Die Kunst dieses Autors: Es passiert nach aussen hin wenig in diesen Romanen, aber es ereignet sich viel.


Judith Schalansky, "Atlas der abgelegenen Inseln", mare 2009

"Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde", untertitelt die 29-Jährige Autorin ihr Buch. Sie hat Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign studiert und lebt als freie Autorin und Gestalterin in Berlin. „Ich bin mit dem Atlas gross geworden. Und als Atlas-Kind war ich natürlich nie im Ausland“, schreibt sie. Von den Eroberungen ferner Welten im Wohnzimmer, von den Reisen im Kopf handelt dieses wundervoll gestaltete Insel-Geschichten-Buch, das man immer wieder von neuem anschauen kann. Alle beschrieben Inseln übrigens existieren, nur sind sie entlegen, klein und touristisch nicht erschlossen.


Werner Lutz, "Kussnester", Gedichte, Waldgut

"Ich schreibe diese Zeilen blind
schreibe sie lauschend
auf nächtliches Papier"
Anzufügen diesem Kurzgedicht ist, dass das Papier, auf dem es steht, ein kostbares ist. Gestaltung und Handpressendruck aus dem Atelier Bodoni in Frauenfeld geben den Gedichten des siebzigjährigen Autors einen wunderbaren Raum. Ein Buch, das man für seinen Inhalt und für seine äussere Gestalt sehr gerne in den Händen hält. Unbedingt lesen – diese Poesie von Werner Lutz.

  Website: Nina Stössinger

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